Jeremy Rifkin prophezeit das Ende des Privatbesitzes und den Beginn einer Wirtschaft, die auf Zugangsberechtigung basiert

Das kalifornische Schreibbüro, das die Bänder des Interviews mit dem Systemkritiker Jeremy Rifkin transkribierte, buchstabierte Marx und Engels so: Marks and Angles. Es kann also nicht gut stehen um das kritische und politische Bewusstsein eines Landes, das die Globalisierung erfunden und den Dotcom-Wirtschaftsboom initiiert hat. Doch man sollte mit einem nicht ganz so abstrakten Beispiel beginnen, um den Paradigmenwechsel zu illustrieren, den Jeremy Rifkin in seinem neuen Buch "The Age Of Access" (auf deutsch: "Access - Das Verschwinden des Eigentums. Wenn alles im Leben zur bezahlten Ware wird. " Campus Verlag, 400 Seiten, DM 49,80) behandelt.

Ein Freund hat sich vor wenigen Wochen in Berlin ein Haus gekauft. Ein hübsches Haus in einer ruhigen Vorortstraße, in dem genug Platz ist für das Designstudio seiner erfolgreichen Frau und die Spielzimmer seiner zwei Söhne. Dieser Erwerb einer Immobilie wäre noch vor einer Generation ein wichtiges Ereignis gewesen im Leben eines erfolgreichen Mannes, der noch keine 40 Jahre alt ist. Doch dies ist schon das dritte Haus, das sich dieser Freund gekauft hat. Die anderen standen in Hamburg und London, und er hat sie längst schon wieder abgestoßen. Wenn er länger in einer weiteren Stadt zu tun hat, mietet ihm die Firma dort ein möbliertes Apartment. Außerdem sind seine beiden Autos geleast, genauso wie sein Computer und die diversen Mobiltelefone. Er lebt somit genau auf der Grenzlinie jenes Paradigmenwechsels, von dem Jeremy Rifkin sagt, dass er die Welt grundlegend verändern werde. Und wenn die wohlhabende Menschheit nicht acht gibt, dann nicht zu ihrem Besseren.

Leasen und leasen lassen

Dieser Paradigmenwechsel, sagt Rifkin, wird Schluss machen mit dem Privatbesitz. Er wird die Marktwirtschaft in eine so genannte Zugangswirtschaft verwandeln, in der man nicht mehr Besitz erwirbt, sondern für Zeit, Nutzung und Erlebnisse bezahlt. Die Hauskäufe des Freundes sind somit eigentlich anachronistische Transaktionen, die er eher unter dem Zwang der überhitzten Immobilienmärkte in den Metropolen durchführt, wo es selbst für eine kurze Zeit günstiger ist, die Hypothek für ein Haus zu bezahlen, als die Miete.

Solche Prognosen abzugeben, ist gar nicht so einfach. Zu komplex, um es in einen fernsehtauglichen Oneliner zu verpacken. Deswegen sagt Jeremy Rifkin auch "Ich gebe nach Möglichkeit keine Fernsehinterviews, denn dann würde mich niemand verstehen. " Und stellt als Bedingung für ein Gespräch mit ihm eine im Medienbetrieb ungewöhnliche Forderung: "Ich spreche mit Ihnen nicht unter zwei Stunden. "

Wenn man mit dem kleingewachsenen, schnurrbärtigen Energiebündel, als Redakteur beispielsweise, zusammenarbeitet (SZ vom 15. und 26. Juni 2000), bekommt man während der Arbeit an einem Text fast täglich Anrufe von seinen freundlichen Mitarbeiterinnen. Die geben letzte Formulierungsänderungen durch, haben mit seinem deutschen Verlag telefoniert, damit die deutschen Übersetzungen seiner Buchtitel ("Das Ende der Arbeit", "Das biotechnische Zeitalter") korrekt geschrieben werden, und weisen einen dezent darauf hin, dass demnächst auch im Konkurrenzblatt Rifkins Texte erscheinen werden; man möge sich also ein wenig mit dem Abdruck beeilen. Der Redakteur empfindet den Herrn Rifkin dann leicht als Nervensäge und mediengeilen Egomanen. Bis man länger mit ihm spricht und versteht — der Mann ist nicht eitel, sondern von einem schon fast verzweifelten Sendungsbewusstsein getrieben. Weil er weiß — es ist wichtig, dass die Welt seine komplizierten Prognosen versteht.

So kompliziert sind sie übrigens auch wieder nicht. "Access" ist kein akademisch-philosophisches Werk für eine Bildungselite, sondern ein populärwissenschaftliches Buch, in dem er seine Theorien mit unzähligen Beispielen und Fakten auflockert.

Rifkin weiß auch, dass er ein Weltbild entwirft, das nur einen geringen Teil der Menschheit betrifft. Jenen Teil, der in Ländern lebt, die über die Infrastruktur verfügen, welche eine Teilnahme am Informations- und Medienzeitalter überhaupt erst möglich macht. "62 Prozent der Menschen haben in ihrem Leben noch keinen Telefonanruf getätigt", sagt er auf den Vorwurf der elitären Weltfremdheit. "40 Prozent der Menschheit verfügen nicht über Elektrizität. " Damit unterscheidet er sich sympathisch von den affirmativen Propheten der Mediengesellschaft wie Alvin und Heidi Toffler, Nicolas Negroponte oder den Mitgliedern des Thinktanks "Progress and Freedom Foundation", die glauben, ihr euphorisches Weltbild sei der Weisheit letzter Schluss.

Rifkin ist aber auch kein blinder Kapitalismusfeind. "Der Kapitalismus ist ein hervorragender Motor für Innovation und Kreativität", sagt er. "Es gibt kein Wirtschaftssystem, das ihn darin übertreffen könnte. " Doch dann wirft er auch gleich ein: "Wenn man Kreativität über die kommerziellen Möglichkeiten definiert. Worauf sich Kapitalismus überhaupt nicht versteht, ist die Verteilung seiner Früchte. In den Vorstandsetagen wird die Logik von der shareholder equity bestimmt. Und das bedeutet eine Reduzierung der Arbeitskosten. "

Dieses System wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch radikalisieren. "Wir werden die Marktwirtschaft hinter uns lassen. Die Nachfolge der Märkte werden Netzwerke antreten. " Diese Netzwerke wollen Produkte nicht mehr verkaufen, sondern Produkte und Erfahrungen nur noch für einen begrenzten Nutzungszeitraum zur Verfügung stellen.

"In Märkten gibt es Käufer und Verkäufer, die zusammenkommen, Besitz austauschen und ihr Geld in dieser Verkaufshandlung machen. Das ist die Marktwirtschaft", erklärt er. "In den Netzwerken gibt es keine Käufer und Verkäufer mehr. Es gibt Lieferanten und Benutzer. Besitz wird weiter existieren. Das ist wichtig zu verstehen, nachdem der Untertitel der deutschen Ausgabe leider "Das Verschwinden des Eigentums" lautet. Der Unterschied ist — der Besitz wird nicht mehr ausgetauscht. Er wird von den Kunden auf der Basis von Mitgliedschaften, Abonnements, Leasing- und Lizenzverträgen genutzt. Damit haben wir im Moment eine Situation wie zum Ende der Feudalgesellschaft. In der Feudalwirtschaft gab es keine Märkte. Niemand konnte Land verkaufen. Das Land gehörte einem nicht, man gehörte dem Land. Im Mittelalter kamen dann die neuen Technologien auf. Neue Agrartechniken, der Kompass, die mechanische Uhr, die Druckerpresse, die Wind- und Wassermühlen. All das verlangte nach einem neuen, mobileren Konzept des Handels. In meinem Buch sage ich, dass wir jetzt an einem ganz ähnlichen Wendepunkt angelangt sind wie schon vor 500 Jahren. Die Marktaktivität hat sich durch die neuen Technologien so beschleunigt, dass die alte Transaktionsform — dass Käufer und Verkäufer zu einem bestimmen Zeitpunkt zusammenkommen — zu langsam geworden ist. In der neuen Welt findet kommerzielle Aktivität 24 Stunden am Tag sieben Tage die Woche statt. "

Die ersten Formen dieser neuen Wirtschaft sind längst Realität. Nicht nur in der digitalen Welt. "Nehmen sie das Beispiel Auto, das klassischste aller Konsumgüter. Wenn es nach einer Firma wie Ford ginge, würde sie nie mehr auch nur ein einziges Auto verkaufen. Heute schon wird ein Drittel aller Kraftwagen in den USA geleast. Bei einem Leasingvertrag liegt die Chance, dass der Kunde wieder einen Ford bestellt bei 54 Prozent. Beim Autokauf nur bei 25 Prozent. "

Dazu kommt die immer schnellere Entwicklung neuer Technologien und Produkte, die Neuanschaffungen innerhalb von kürzester Zeit in anachronistischen Schrott verwandeln. "Sony hat letztes Jahr dreitausend Produkte auf den Markt geworfen. Einige mit einer Lebensdauer von 90 Tagen. Warum sollte man in einer Welt, die permanent aktualisiert und erneuert wird, noch irgend etwas besitzen wollen? Deswegen verwandeln sich Güter in Dienstleistungen und Dienstleistungen in erwerbbare Erfahrungen. "

Ein zweistündiges Gespräch mit Jeremy Rifkin führt zu weit, als dass man es in einem einzigen Zeitungsartikel aufarbeiten könnte. Er spricht in druckreifen Sätzen über die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Er nennt Beispiele für Firmen, die ganz banale Alltagsprodukte längst in eines dieser Nutzungsnetzwerke integriert haben. Er beschreibt Synergien zwischen Firmenzweigen wie Pharmakonzernen und Versicherungen, die gemeinsam davon profitieren werden, dass ihre Kunden nicht mehr erkranken.

Er vergleicht den überhitzten Kapitalismus des jungen 21. Jahrhunderts mit dem der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Er weist nach, wie die Adaption von Kultur in diesen neuen Wirtschaftsformen Kultur letztlich entwerten wird, und warum ein gesundes, linkes Nationalbewusstsein deswegen so wichtig ist.

Und er warnt: "Was passiert, wenn wir eines Tages aufwachen, und effektiv jede Aktivität außerhalb unseres engsten Familienkreises eine bezahlte Erfahrung oder Nutzung ist? Wenn alles über Mitgliedschaften, Abonnements und Leasingverträge abgewickelt wird?" Rifkin pausiert. "Das große Problem hier ist — wenn alle Beziehungen kommerzieller Art und vertraglich bedingt sind, weil es die Zeit selbst ist, die in diesen Netzwerken zum Produkt wird, laufen wir Gefahr, einer Devolution der Zivilisation entgegenzusehen. " Für sich alleine klingt so ein Satz wie die paranoide Wahnvorstellung eines LSD-Opfers. Nach zwei Stunden Gespräch, bekommt die Warnung einen unangenehm fundierten Beigeschmack.

Kritik und Selbstkritik

Ein Kritikpunkt sei noch eingeworfen. "Access " basiert auf amerikanischen Erfahrungen und Realitäten. Doch auch diesen Vorwurf kann Rifkin entkräften. "Das Wirtschaftssystem, das ich in diesem Buch beschreibe, wird in den nächsten drei Jahren mit Macht in Europa einfallen. Ich werde die Eröffnungsrede beim "European IT Forum 2000" halten, die vom 11. bis 13. September in Monaco stattfindet. Denn die neue Wirtschaft ist kein amerikanisches Phänomen. Es hat nur dort begonnen. "

Jeremy Rifkin weiß auch, dass es nicht genügt, seine Botschaft in Büchern und Zeitungen zu verkünden. Damit seine Warnungen fruchten, muß er sie in die höchsten Zentren der Macht tragen. Nicht ins Weiße Haus, ins Bundeskanzleramt oder in die Downing Street, sondern in die Chefetagen und Vorstandsversammlungen der Konzerne. Und so lässt er sich seine Kapitalismuskritik teuer bezahlen.

Die Konzernleitungen wiederum wissen, dass sie auf ihn angewiesen sind, wenn sie den Wandel der Weltwirtschaft verstehen wollen. Deswegen berät Rifkin Firmen in aller Welt (deren Namen er höflich verschweigt), damit sie sich rechtzeitig auf den Paradigmenwechsel vorbereiten können. Das ist kein Verrat, sondern ein großer Dienst an der Menschheit. Jeremy Rifkin begreift als vernünftiger Mensch, dass sich Fortschritt nicht aufhalten lässt. Doch wenn man ihn versteht und nicht dogmatisch ablehnt, kann man ihn vielleicht so beeinflussen, dass die schlimmsten der negativen Auswirkungen vermieden werden können.

ANDRIAN KREYE