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SZ vom 12.12.2000 München
Ein Zeitzeuge zu Gast im Albert-Einstein-Gymnasium
Der erste Mann
Am 30. April 1945 um 14 Uhr erreichte der US-Soldat Wolfgang Robinow den Marienplatz / Von Katja Reichart

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Das Thema Drittes Reich können bei uns viele schon nicht mehr hören. Häufig werden nur die gleichen Fakten vorgetragen", sagt Flurina Ambühl aus der 11. Klasse des Albert-Einstein-Gymnasiums. Doch an diesem Tag ist alles anders. Wolfgang Robinow ist zu Gast – der erste US-Soldat, der am 30. April 1945 auf dem Münchner Marienplatz stand. Er will den Schülern der 9. bis 13. Klasse von seinen schmerzlichen Erfahrungen mit dem NS-Regime erzählen. "Denn es ist ein Unterschied, ob das Geschichtsbuch die Vorstellungen über das Dritte Reich prägt oder ich, der ich dabei war."
Und dieser Unterschied wird sogleich deutlich. Robinow tritt vor die rund 200 Schüler in der Turnhalle – es wird schlagartig still und so bleibt es auch während des zweistündigen Vortrags. Geschichte aus erster Hand. Geboren in Hamburg, aufgewachsen in Berlin, musste er mit 18 Jahren emigrieren – über Dänemark in die USA. "Ich war in zweiter Generation Protestant, doch ich hatte vier jüdische Großeltern", erinnert sich Robinow. "Davon wusste ich nichts, bis zu dem Tag als wir für die Hitler-Jugend nachweisen mussten, ob wir arisch sind." Als Vertriebener ohne Ausbildung und Schulabschluss trat er in die US-Armee ein. Und damit beginnt auch die eigentliche Geschichte: Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges kam Robinow mit der 42. amerikanischen Infanterie-Division zurück nach Deutschland. Heute lebt der 82-Jährige in Bogenhausen und ist als Unternehmensberater für deutsch-amerikanische Wirtschaftsbeziehungen tätig.
"Meinen Onkel, meine Tante und meine Cousine habe ich in Auschwitz verloren" – deshalb, erinnert sich der ehemalige amerikanische Soldat, habe sein Offizier ihn damals nicht zur Befreiung des KZ Dachau eingeteilt. Stattdessen sollte Robinow mit einem Spähtrupp nach München einmarschieren. Am Morgen des 30. April 1945 erhielt er den Befehl: Go forward until you meet resistance. "Mit 19 Mann und vier Jeeps machten wir uns vom Autobahnende in Obermenzing auf in Richtung Innenstadt. Doch der Weg bis dahin war gefährlich und mühsam: Um uns herum lagen nur Trümmer und Schutt, weit und breit konnten wir keine Menschen sehen. Außerdem wussten wir nicht, wie viele Minen auf der Straße lagen." Aber seine "boys", wie Robinow die Soldaten nennt, hatten Glück: Und so stand Robinow um 14 Uhr auf dem Marienplatz.
Doch nach nur einer knappen Viertelstunden setzte sich der amerikanische Spähtrupp schon wieder in Richtung Chiemgau in Bewegung. Auf dem Weg dorthin wurde Robinow immer wieder mit den Schrecken des NS-Regimes konfrontiert: Er erzählt von alten Leuten, die aufgehängt am Straßenrand hingen, und der Begegnung mit einem Arzt, der in Dachau für Menschenversuche zuständig war und sich vor Robinow damit brüstete. Um den Schülern, die sichtbar angespannt waren, die Chance zum Durchatmen zu geben, streut der Zeitzeuge einige erheiternde Episoden ein. So zum Beispiel die Geschichte von der Festnahme der Schauspielerin Leni Riefenstahl, die immer wieder aus der Haft freikam, um ein paar Tage später sofort wieder verhaftet zu werden. "Das hatte den Grund, dass immer wieder neue US-Offiziere die Dame kennen lernen wollten." Ernst und auch ein bisschen Wut mischen sich aber wieder in die feste Stimme von Robinow, wenn er von dem Gestapo-Chef Knochen spricht. "Als ich Knochen fragte, ob er wisse, wie viele Menschen durch ihn gestorben sind, fragte er zurück, ob ich meine Brotscheiben beim Frühstück zähle."
Das Resümee des Elftklässlers Frederick Simon: "Heute morgen habe ich mich noch gefragt, ob ich überhaupt hierher kommen soll. Jetzt bin ich sehr froh. Durch die interessanten Details und Anekdoten kann man sich die Geschehnisse viel besser vorstellen.". Die Jahreszahlen und Fakten kämen viel schwerer an einen ran. Und Flurina pflichtet bei: "Durchs Erzählen der vielen kleinen Gemeinheiten werden einem die Zeitumstände deutlicher."

http://www.sauruspress.com/travel/remembrance/rdvatrip.htm