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SZ vom 24.06.2000 SZ am Wochenende

Thomas Günther

Angekommen, wie auch immer

Nachrichten aus dem Mustopf: Was nach zehn Jahren aus den Autoren vom Prenzlauer Berg geworden ist

 

Als im Jahr 1984 eine Anthologie unter dem Titel "Berührung ist nur eine Randerscheinung" im Kölner Kiepenheuer & Witsch Verlag in Köln erschien, vernahm man in breiterer Öffentlichkeit zum ersten Mal die Stimmen junger Autoren, die bis dahin nur wenige kannten. Notgedrungen und illegal erschien der Sammelband im Westen, da sich das Herkunftsland verweigerte. Eine Generation suchte Gehör, die weder etwas mit dem DDR-Staat zu tun haben wollte noch in die dissidentischen Fußstapfen eines Wolf Biermann zu treten gedachte. Sie sah sich außerhalb des Staates, wie es der Dichter Bert Papenfuß formulierte, und baute mit Samisdat-Zeitschriften auch ihr eigenes Kommunikationsnetz auf. Die Dichter zerhackstückten das verordnete Ostdeutsch, beriefen sich auf die Moderne vom Rimbaud bis Allen Ginsberg und blickten zugleich mit Hochmut und Intoleranz auf alles, was nicht Prenzlauer-Berg-Connection und nicht die eigene Schreiber-Generation war. So bekam auch der in diesem Jahr gekürte Büchner-Preisträger Volker Braun beispielgebend sein Fett ab mit den Worten: "Der Junge quält sich" — im Hinblick auf die DDR-Verhältnisse. Braun schlug zurück und sprach von den "Neutönern, Hausbesetzern in romantischen Quartieren, die fleißig auf den Putz hauen".

Schon damals — tief in den achtziger Jahren — stellte dieses Biotop mit seinen Fallstricken aus Intrigen, Privilegien, Denunziationen und Macho-Gebärden gegenüber Dichterinnen ein höchst kompliziertes Gebilde dar. Man unterschied sich kaum vom Szene-Gerangel der zwanziger Jahre in Berlin oder von existenzialistischen Krächen im Paris der Fünfziger. Dennoch: Viele Details des stets zerstrittenen, doch pulsierenden Haufens machten das Ganze interessant — egal, ob es sich darum handelte, auf welch konspirativem Wege zu einer literarischen "Zersammlung" gebeten wurde, oder ob man sich mit dem Gerücht auseinander setzen musste, Szene-Impresario S. Anderson habe die selbst verlegten Lyrik-Maler-Bücher an West-Diplomaten für 300 Mark verscherbelt. Was heißt, dass sich die Prenzlauer-Berg-Szene als schillerndes Mosaik präsentierte.

Bis die Mauer fiel. Erste Bestandsaufnahmen folgten. Die Autoren hatten Erfolg im Westen. "Schöne Aussichten" nannte sich eine Anthologie des Suhrkamp Verlags. Voyeurhafte Neugierde und ein ernsthaftes Nachholbedürfnis des westdeutschen Feuilletons ergänzten sich wie Pflicht und Kür auf dem Parkett der Poeten. Der Ost-Bonus schien unerschütterlich zu sein, bis der Schock sie allesamt einholte: Zwei Hauptprotagonisten der Szene hatten dem Staatssicherheitssystem der DDR zugearbeitet und stellten damit das vermeintlich Autonome und Widerständige in Frage.

Es gab in der Szene einen Bruch, wie er ärger nicht hätte sein können. Das Problem verschiedenartiger ästhetischer Auffassungen wurde banal angesichts der Überschattung durch den persönlichen und existenziellen Verrat. Die Enttäuschten und die Beobachter hielten auf einmal die gesamte Szene für stasigelenkt, und man vergaß ob der allgemeinen Sprachlosigkeit zwei Aspekte völlig: Es gab nicht nur den Prenzlauer Berg und seine fast autistische Szene, sondern es hatte über ein Jahrzehnt auch Aktivitäten in Leipzig, Dresden, Weimar und Karl-Marx-Stadt gegeben, die der Berliner Erschütterungen und Peinlichkeiten entbehrten. Und es gab unverwechselbare Autoren wie Gert Neumann oder Barbara Köhler mit literarisch akzentuierten Texten, die überhaupt nicht in die Klischees der Pauschalisierungen passten.

Was aber ist aus dem Mythos & Mustopf Prenzlauer Berg geworden in den zurückliegenden zehn Jahren? Diese Frage sollte eine Konferenz beantworten, die am vergangenen Wochenende im Brecht-Haus in Berlin stattfand. Organisiert wurde sie von der Humboldt-Universität und dem Literaturforum. Sie stand unter dem beziehungsreichen Titel "Ist Ankunft nur eine Randerscheinung?"

Nicht alle nutzen ihre Chancen so gut wie Bert Papenfuß, der umtriebige Szene-Matador und Mitbesitzer der Traditionskneipe "Kaffee Burger", wo es fast jeden Abend Lesungen gibt. Vielleicht war es ja ein bezeichnender Moment, als Johannes Jansen auf eine Frage nach seiner jetzigen Stellung in der Literatur etwas irrational antwortete: "Ich habe kein Geld." Das war keineswegs larmoyant gemeint  — und doch wollte es niemand so direkt wissen. Betretenes Schweigen.

Verkaufen sich die Bücher der ehemaligen Szene-Autoren überhaupt noch auf dem gesamtdeutschen Literaturmarkt? Oder kommen diese nostalgieverbrämt nur beim Ostpublikum an? Einem, dem das Angekommensein — mental und bodenverhaftet — im vorgegebenen Kontext attestiert wurde, ist Uwe Kolbe. Franz Fühmanns glühendes Bekenntniswort "Ecce poeta" hatte ihm Ende der siebziger Jahre sogar offizielle Publikationen ermöglicht. Kolbe lebt heute in Tübingen, wo er eine Poetik-Dozentur an der Universität betreut; er hat sich vom Prenzlauer Berg gänzlich verabschiedet.

Auch Lutz Rathenow gehört zu denen, die es geschafft haben, wenngleich der einstige Vorzeige-Dissident und ewige Nörgler am opportunen Szenerummel heute seine höchsten Auflagen mit Kinderbüchern erzielt. Schade nur, dass man Rathenow nicht zur abschließenden Podiumsdiskussion eingeladen hatte. War das Feigheit oder Ignoranz? Lange Verdrängtes innerhalb der Autorenszene hätte endlich öffentlich debattiert werden können, und das Publikum wäre nicht gelangweilt worden mit nicht enden wollenden positivistischen Statements der Akteure. Auch so kann sich eine Szene ihren Todesstoß herbeireden.

Detlef Opitz, in dessen Literatur die Referentin Sieglinde Geisel den Hang zur "Scheinheiligkeit als subversives Verfahren" entdeckte, ist ein

besonderer Fall. Er will von aller Theorie nichts wissen, und ihn hat, im Gegensatz zu anderen, auch nichts locken können, die Konferenz zu besuchen. Opitz schreibt Romane um, vernichtet fertige Manuskripte, zieht bereits Herausgegebenes zurück, rückt für Künstlerbuchausgaben nur Fragmentarisches heraus und lässt sich unendlich viel Zeit für anstehende und angekündigte Publikationen.

Er selbst bezeichnet sich als Quartalsschreiber: faul wie ein Winterschläfer — und dann wieder 24 Stunden am Tag fanatisch wortergeben. Er, der von der DDR-Administration besonders gepiesackt wurde, erfuhr mit dem Untergang der alten Verhältnisse eine jahrelange Schreibhemmung. In dieser Zeit arbeitete auch er als Kneipier — im "Kyril" —, sorgte für den feinsten Whiskybestand der Hauptstadt mit mehr als siebzig Sorten und genoss die oft nicht ausklingenden Nächte hinterm Tresen.

Aber auch die heutigen Buchproduzenten wurden kritisch unter die Lupe genommen, von Studentinnen der Humboldt-Uni, für die das alles sehr weit weg zu sein schien. Als es nicht mehr überlebensnotwendig war, etwas aus Angst vor staatlichem Verbot limitiert herzustellen, spaltete sich die Szene in zwei Lager: Der harte Kern der Prenzlauer-Berg-Aktivisten wählte mit der Zeitschrift Sklaven für nur fünf Mark eine bezahlbare und quasi demokratische Form für gewagte Texte und Thesen. Konkurrenten aus Berlin-Friedrichshain führten das Tradierte der achtziger Jahre mit der Kombination Grafik-Foto und literarischen Experimenten konsequent fort, bedienen aber heute ein eher elitäres Sammlerpublikum. Entwerter/Oder und Herzattacke sind die einzigen Überlebenden der seit jeher dadaistisch und surrealistisch angehauchten Zeitschriften.

Insgesamt scheinen die Aussichten nicht schlecht zu sein. Ankunft — wenn überhaupt erwünscht — konnte weder eine ranzige noch eine Rand-Erscheinung sein. Dass gute Autoren nicht notwendigerweise Bestseller produzieren, ist eine Binsenweisheit, und nichts Szeniges kann daran etwas ändern. Aber keiner muss heute mehr als Friedhofsarbeiter, Packer oder Heizer arbeiten, um sich vor dem Staat zu schützen.

Und dann gibt es ja noch das kunterbunte Karrussell der Literaturpreise, der Stipendien und Auslandsaufenthalte, der literarischen Feste, Nächte, Talk-Runden, Lesereisen und Signierstunden, was ja alles was einbringt. Wer wollte sich da beschweren? Andere wiederum haben einfach aufgehört zu schreiben, und das Merkwürdige dabei ist, dass es oft die Besten sind — wie zum Beispiel Stefan Döring, der einst mit seinen großartigen Gedichten neben Bert Papenfuß und Jan Faktor für den Sprachtopos Prenzlauer Berg überhaupt sorgte.

Alles in bester Ordnung also? Man wird sehen. In zehn Jahren steht vielleicht nicht das Sozialamt, sondern ein Nobelpreiskandidat zur Debatte.


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