BUCHTIP:
Rafael Seligmann
Der Musterjude
c 1997 Claasen Verlag, Hildesheim
LESEPROBE:
... "Redaktionskonferenz. "Hiergeblieben!" befahl Reydt. "Du bist der falsche Mann. Du guter Deutscher." Abschätzig sah er sein gegenüber an. "Dein Hirn ist blockiert von lauter christlicher Ethik und Germanisten-Ästhetik." Reydt verschränkte für einen Moment die Arme vor der Brust, ehe er seine Hände wieder gestikulieren ließ. "Diese Story muß ein Jud' schreiben. Rotzfrech. Voller Chuzpe kein zaghafter Goj wie Du. Aus Deiner Feder fließt nur die Kamille politischer Korrektheit."
"Das wird schwierig..."
"Schwierig! Schwierig! Ich höre immer nur schwierig, kompliziert, unmöglich! Gibt es für Dich nichts Einfaches? Einmal im Leben?
Keller schüttelte den Kopf. "Der Broder ist beim Spiegel. Der Bubis schreibt nicht..."
"Was ist mit Michel Friedmann?"
"Der arbeitet lieber mit Fernsehsendern."
"Und der Militär-Professor aus München? Der viel patriotischer ist als alle Deutschen zusammen?"
"Wolffsohn schreibt vorwiegend für Springer..."
"Verdammte Scheiße! Warum wirfst du mir immer wieder Knüppel zwischen die Beine, während ich versuche, dir zu helfen?"
Reydts Augen flogen hin und her. "Es wird doch irgendeinen jüdischen Writer geben, der für gutes Geld ... Reich-Ranicki!"
"Weigert sich für uns zu schreiben. Ich hab's vor kurzem versucht. Er macht die FAZ-Anthologie..."
"... und schreibt für den Spiegel und macht Fernsehen. Also!" Während Heiner Keller angestrengt nachdachte, kam ihm eine Idee, die sein und das Leben seines Freundes Moische umwälzen sollte: "Einen wüßte ich vielleicht schon... Einen früheren Journalist..." "Na also! Sobald du und deinesgleichen ordentlich eins zwischen die Hörner kriegt, seid ihr sogar fähig zu denken." Reydt beschloß, Keller und die anderen "Fettärsche" ab jetzt so oft und so kräftig zu kujonieren, daß sie spuren würden. "Los, ab im Schweinsgalopp auf deine Planstelle, Heini."
Keller rührte sich nicht, er atmete tief durch. "Los, los! Dalli, dalli"" Reydt schaufelte in Richtung Tür. "Dieser Bernstein... kann nicht schreiben", Keller sah Reydt unsicher an. Der Chefredakteur lachte schallend: "Etwas Besseres kann uns doch gar nicht passieren, du Simpel. Dann pfuscht uns der Bursche nicht ins Handwerk... Bernstein, köstlich." Reydt hob die Arme. "Einen Juden-Name, wie von 'ner PR-Agentur kreirt." Keller sah den Chefredakteur unsicher an. "Und wer soll den Artikel schreiben?"
"Na, wer wohl? Du!" Reydt schwang seine geballte Faust in die Luft. "Du!" wiederholte er triumphierend. "Aber frech wie ein Jitzig, sonst hast du hier endgültig ausgeschissen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, Heinrich?!"
"Ja, Herr Reydt."
So begann die unaufhaltsame publizistische Karriere des Moische Bernstein.... |