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Lieber Eddie,
vielen Dank für die Endfassung Deines Buches zum Korrekturlesen.
Zum Thema Denunziation, Anzeigen und Verleumdungen aus niederen, meist persönlichen Gründen, möchte Dir gern ein Vorwort schreiben:
A. Was Du dokumentiert hast soll nicht wieder passieren.
Seit es den Leuten nicht mehr so gut geht, hat sich die Meinung nicht nur im Osten gewandelt. Es hat sich stillschweigend eine nationalsozialistische Meinung etabliert. Heilsbringer haben Zulauf. Aber trifft diese Zuordnung von Ideologie heute überhaupt noch den Kern? Ich denke Nein, Begriffe mit ismus, mit rechts, links werden nur benutzt, die Ursachen liegen tiefer.
Wie Du in Deinem Buch zeigst, sind die Grenzen zwischen Klatsch, Verleumdung und Gewalt fließend. Leider wird das nie aufhören.
Die stärksten menschlichen Antriebe sind Haß und Gier, greed der 12stündige Film von Eric von Strohheim von 1927 fällt mir ein, Verleumder und Verleumdeter selbst mit Handschellen aneinander gefesselt, verdurstend in Death Valley.
B. Behörden dürfen Anzeigen und Verleumdungen aus niederen, meist persönlichen Beweggründen nicht erlauben just the facts please.
Im Osten ohne Unterbrechung, 60 Jahre Förderung der Denunziation von Staatswegen, mit ein paar Unterschieden. Aber auch die gepriesene Demokratie ist nicht frei davon. Denunziation ist immer da, jemand anderem zu schaden. Gibt es ein Mittel gegen sowas? So wie wir als Kinder sagten, Petzen tut man nicht, dürfte der Staat einfach Denunziation nicht erlauben anonyme Anzeigen nicht und auch keine Belohnung dafür.
1. Im 3. Reich lief Denunziation nach Blut und Boden ab. Die Partei hieß NSDAP, Anlaufstelle war die Gestapo. Kinder zeigten eigne Eltern an... Bruder seine Schwester... Die Verleumdeten gingen meist ins KZ... Tod durch Arbeit... mit etwas Glück durften sie an der Ostfront erfrieren... ein Volksteil sowieso in die Gaskammer... Höhergestellte, Arbeitgeber, wurden von Niedergestellten, Arbeitnehmern verpfiffen und umgekehrt... es herrschte Not, es ging um die Wurst, um notwendige Arbeitsplätze, Wohnungen, Liebespartner, um Nachbarn, mit denen man im Streit lag. Immer waren Kneipen die besten Orte, um Verbotenes aufzuschnappen, Alkohol löst die Zunge... Mit den Rassengesetzen kamen die Spanner hinzu. Das Sexleben mußte bis ins Detail aufgedeckt werden, wer mit wem schlief, ob und wie es zum Vollzug kam... Aber, die Denunzianten blieben selten anonym. Sie bekundeten mit ihrem Namen bewußte Teilnehmer der Volksgemeinschaft zu sein... Ordnung schaffen, Aufräumen, Dazugehören und andere Aussondern... Zeitweise waren die Verleumdungen so zahlreich, daß die Gestapo ihre Bearbeitung nicht mehr schaffte.
2. In den ersten Jahren nach Kriegsende rannten tausende Westdeutsche den Amerikanern die Bude ein... 70 % der Anzeigen beruhten nicht auf Tatsachen... Personen, Vereine, Firmen wurden angezeigt... Motiv war ausschließlich irgendein Vorteil, den der Denunziant haben wollte... Geld, einen Job usw.
3. Im Sowjetreich und seinen Satellitenstaaten wie der DDR ging es um politische Überzeugung. Sie wollten einen Neuen Menschen schaffen... wirtschaftlich alle gleichgestellt... Die Partei hieß SED, Anlaufstelle war das MfS. Die Denunzierten starben in Lagern, Gefängnissen, mit etwas Glück durften sie in Zwangsarbeit den Sozialismus aufbauen... Die Behörde suchte gern nach bloßstellenden Sachen, mit dem ein neuer Mitarbeiter erpressbar war. Bei zögerlichen Kandidaten wendeten sie viel Mühe für Überzeugungsarbeit auf. Wirtschaftliche Gründe spielten eher keine Rolle, man machte das von Herzen gern, aus Überzeugung... Der Denunziant im Sozialismus wurde angesprochen, ausgewählt und privat von einem Führungsoffizier betreut. So fühlte sich der IM nie wirklich schuldig. Fast nie war eindeutig zu klären, welchen Schaden er oder sie tatsächlich anrichtete.
4. In beiden totalitären Staaten war die massenhafte Denunziation das Mittel zum Zweck, die Regierung, die Obrigkeit zu bereichern, die Menschen als Masse gleichzuschalten, einen freiheitlichen Sinn zu verhindern Freiheit verkürzt als Einsicht in die Notwendigkeit des Staates. Dazu schufen die Behörden eine Atmosphäre des Mißtrauens sowie eine gemeinschaftliche Verabredung darüber, was denunziationswürdig war. Abweichendes Verhalten zu maßregeln war systemnotwendig. Die Angst vor Schädlingen wurde geschürt im 3. Reich biologisch-rassistisch begründet, in der Sowjetunion und ihren Sowjetzonen mit politischer Überzeugung. Ziel der Justiz war der Ausschluß des Andersartigen aus der Gesellschaft wer nicht für uns ist, ist gegen uns Hinrichtungen schweißten zusammen. Bilder aus der Chirurgie wurden gern benutzt vom Herausschneiden des Geschwürs, der Eiterbeule aus dem Volkskörper, des Schädlings aus dem Kollektiv war die Rede.
5. Offensichtlich blüht Denunziation immer in Krisenzeiten und wenn sie staatlich gewollt ist. Und heute? Beim Finanzamt, beim Ordnungsamt, bei der Polizei nimmt anonyme Denunziation zu. So äußert sich das, wenn es bei 80 Millionen anfängt weh zu tun. Wenn das Gerangel um begehrte Posten, Jobs und Arbeitsplätze zunimmt. Wenn die Geschäftswelt immer brutaler wird. Unglaublich bei diesem hohen Maß an staatlichen Subventionen... Denke Dich Reich, geh über Leichen... Einzelne haben keine Chance, wenn die Meute zubeißt. In dieser Vermassung von Produkten und Menschen herrscht Krieg. Von der Polizei als Mädchen für alles kaum noch zu bewältigen.
Aber zum Glück wird Denunziation von keiner Behörde gefördert.
Gibt es ein Land, wo Denunziation von Staatswegen niedrig gehalten wird?
Im Amerika der 30er Jahre gab es eine Radioserie von jemand, der Leute vor Beginn der Vorstellung im Kino befragte. Seine Aufforderung JUST THE FACTS PLEASE wurde zur stehenden Redewendung... Just the facts please macht das Leben von Denunzianten schwierig und erleichtert Behörden die Arbeit.
6. Wohin geht die Reise? Gibt es eine Gefahr für die Zukunft? Ja die besteht. Vielleicht in Computerstaaten mehr als woanders. Ich arbeite selbst mit den besten Maschinen. Es besteht die Gefahr, daß die Leute praktisch kein Privatleben mehr haben... Wenn das jemand ausnutzt???
7. Kann dem begegnet werden? Ich hoffe Ja. Durch Vertrauen. Durch Schutz der Privatsphäre im Kleinen durch Offenheit, durch offene Türen, durch freies Spiel im Großen durch Charakter und Zivilcourage. Das ist eine Frage der Ehre.
Lieber Eddie, da kannst Du mal sehen, was Dein Buch bei mir angerichtet hat, so ein langes Vorwort zu schreiben und an das Forum von www.partetour.de zu senden.
Viel Glück wünscht Dir Uli.
ulischaarschmidt@t-online.de